Eine Empfehlung von Nico Bleutge
Verse vom himmlischen Drucksatz
Auswahl, von Dichtern zusammengestellt und aus dem Russischen übersetzt. Herausgegeben von Daniel Jurjew und Olga Martynova. Elif, Nettetal 2025, 384 Seiten, 30 Euro
Leningrad in den 60er Jahren lässt sich am besten als eine schillernde Trambahnfahrt imaginieren. Jedenfalls wenn man es durch die Sprache von Oleg Jurjew sieht. Hier gibt es nicht nur »das Pfeifen der Verkehrsposten« zu entdecken und »silbernes Licht von der Newa«, sondern auch »Sprudel aus Robotern«, dazu spritzt »der Sommer [...] für uns Wasser aus Rüsseln«. Als Oleg Jurjew 2018 verstarb, verlor die literarische Welt einen Dichter, der es wie kein anderer verstand, Realitätssplitter und fantastische Bilder zu verschmelzen. Zwei Jahre nach seinem Tod erschien in Moskau eine große Anthologie mit Jurjews Gedichten, ausgewählt von anderen Dichterinnen und Dichtern. Für die deutschsprachige Ausgabe des Bandes wurde dieses Prinzip der Vielstimmigkeit nun auf die Übersetzung angewendet. Rund 50 Poet:innen, quer durch das Alphabet von Marica Bodrožić bis zu Uljana Wolf, zeigen in ihren Übertragungen die grenzsprengende Kraft von Jurjews Versen. Ob es sich um das Spiel mit metaphysischen Vorstellungen handelt oder um das Aushebeln von Gegensätzen – stets werden hier »alle Baumaugen / der Schöpfung [...] aufgerissen«.
