Eine Empfehlung von Norbert Wehr
Kinder
Aus dem Serbischen übersetzt von Klaus und Mirjana Wittmann Edition Korrespondenzen, Wien 2025, 164 Seiten, 24 Euro
» … du sollst lernen schauen leben vergeben / aber nichts / vergessen.« Mit diesen Versen schließt Milena Markovićs Kinder, und der Punkt am Ende ist der einzige in einem konsequent kleingeschriebenen und interpunktionslosen 162-seitigen Langgedicht (oder Roman in Versen). Eugen Onegin und Martín Fierro – sie sind u.a. die Vorbilder für eine Form, in der sich Marković beweisen wollte, als sich das Verfassen kurzer Gedichte erschöpft hatte. In einem assoziativen, vor- und zurückspringenden Erinnerungs- und Bewusstseinsstrom lässt sie – nicht ohne Drastik – Schlüsselmomente ihres Lebens Revue passieren, die Kindheit und Jugend im Belgrad der Vorkriegszeit, das Frausein, die Leidenschaft für schöne Männer, die Mutterschaft, der behinderte Sohn … Es gebe für sie keinen Unterschied zwischen Poesie und Prosa, und Poesie nenne sie eigentlich lieber »Gesang«, hat Marković erklärt. Ihr Epos Kinder, ein großes Lied, das auch Vorlage für eine gleichnamige Oper ist, haben die Wittmanns in ein wunderbar rhythmisiertes, musikalisches, dem serbischen Original entsprechendes Alltagsdeutsch übertragen.
