Julia Cimafiejeva: Blutkreislauf

Eine Empfehlung von Marie Luise Knott

Julia Cimafiejeva
Blutkreislauf

Aus dem Belarussischen übersetzt von Tina Wünschmann edition.fotoTAPETA, Berlin 2025, 160 Seiten, 22 Euro

»Das Schicksal wirft den Menschen / wie einen Holzspan in die Wogen«, schreibt Šura aus Kanada am 9. Februar 1965. 20 Jahre später schreibt Tamara aus dem belarussisch-sowjetischen Spiaryžža: »Als Toma und ich klein waren, / schickte Tante Šura uns Kleider. / Sie waren aus Nylon und himmelblau ...« Und Julia erinnert sich später: »In Spiaryžža in den achtzigern / suchte Šura unterlagen und fotos / vergraben im elterlichen garten.« Die Personen, die bei Cimafiejeva zu Wort kommen, sind verbunden in den Geschicken des 20. Jahrhunderts – dem Jahrhundert der Shoah und der Bloodlands (»im konzentrationslager bewachte / der hungerhund seine träume«), der Enteignungen und Kollektivierungen, dem Jahrhundert von Tschernobyl. Die Spuren dieses Jahrhunderts – Briefe, Fotografien, Dokumente, Erinnerungsfetzen – hat die Autorin zu Gedichten kollagiert. »Ich werde / nicht leben / wie ihr«, revoltiert das Ich gegen den »allessehenden« roten Stern. Cimafiejevas hochpoetisches »weißes Radio Gedächtnis« ist voller Sprünge, Schnitte und Tonstörungen, die Tina Wünschmann großartig ins Deutsche mittransportiert hat.

edition.fotoTAPETA

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