Eine Empfehlung von Anja Utler
Meine Vagina
Russisch – Deutsch. Übersetzt von Tillmann Severin, illustriert von Moana Vonstadl. Edition Polyphon im Verlagshaus Berlin, Berlin 2025, 304 Seiten, 24,90 Euro
Kürzlich hörte ich, die Welt sei wie eine Schallplatte, bei der die Nadel hängt. Bei Meine Vagina, dem ersten deutschsprachigen Band von Galina Rymbu, Dichterin mit polypostsowjetischem Hintergrund aus dem ukrainischen Lviv, dachte ich zuerst ähnlich: Nochmal Vagina? Ja! Denn das ist die Stärke von Rymbus Lyrik: Sie nimmt es auch mit einer Wirklichkeit auf, die heimgesucht wird von Wiedergängern wie Hunger oder Militär. Und zeigt, woraus der Riss besteht, in dem die Nadel hängt: aus dem »warten auf gehalt wie auf ein wunder«, dem »blutgefäßsystem der schule / im birkenhain der strafkolonie«, der Verfolgung von weiblicher Kunst und »beleidigung des staates«, einer Welt, die »schweigt […] mit schwerem geschütz« und aufzuwachsen zwingt »in die industrie / ins niemand«. Und doch schimmern bei Rymbu auch Zartheit und Zärtlichkeit durch Körper und Rede, verheißen eine Art Jenseits der hängenden Nadel. Es gibt »immer noch / keine musik für uns«, aber diese Gedichte in Tillmann Severins Übersetzung erlauben eine feine Ahnung davon, wie eine musik für uns klingen könnte.
