Eine Empfehlung von Nico Bleutge
Heim.Statt
Suhrkamp, Berlin 2025, 155 Seiten, 25 Euro
Esther Kinsky ist die große Dichterin des Geländes. Es sind stets versehrte Gegenden, die sie beschäftigen, »kontaminierte Landschaften«, wie es der Schriftsteller Martin Pollack einmal genannt hat. Auch in ihrem neuen Band stößt sie auf Risse in den Steinen und Brachflächen und entdeckt Spuren von Fremdheitserfahrungen, von Flucht und vor allem von Gewalt, die gerade Frauen erleiden müssen. Doch es sind starke Frauen, die durch die sieben Langgedichte dieses Bandes wandern – und zu deren »Atemsprache« auch das Schweigen gehört. So ist es nur konsequent, dass Sprechen in diesem Band allein als gebrochenes möglich ist, voller »stimmsplitter«, »stücklworte« und »kehlstöße«. Zugleich aber gibt es die Aufforderung zu reden und eine noch in der kleinsten Silbe zu spürende Lust, die Kraft der Sprache erlebbar zu machen, sei es im »klackern« des Geschirrs auf den Buckeln von Menschen, die auswandern müssen, sei es in den »flackertönen« der vielen Vögel, Wespen, Bienen und mythologischen Figuren, die durch die Verse geistern. Aus all diesen Stimmstoppeln baut Esther Kinsky ihre leuchtenden Sprachnester.
