Eine Empfehlung von Kerstin Preiwuß
Gedichte vom blauen Jungen
Bulgarisch – Deutsch. Übersetzt, herausgegeben und mit einem biografischen Essay versehen von Andreas Tretner. Arco, Wuppertal 2025, 436 Seiten, 26 Euro
Dank des Übersetzers Andreas Tretner begegnen wir mit Aleksandăr Vutimski der Europäischen Moderne auf Bulgarisch: das Kondensat eines kurzen Lebens, so vielfältig in seinen Stilwechseln wie ein Lebenswerk, zugleich Dichtung in Randlage in vielfacher Hinsicht. Abseits des etablierten Europas, mit dem Bewusstsein der Avantgarde, aus dem Körper eines todkranken jungen Mannes mit dem Verlangen nach seinesgleichen, hat diese Dichtung ein Auge auf die Streuner, Vagabunden, Sonderlinge, ramponierten Frauen, Hauslosen, Trüben, Welken und deren Orte draußen, auf der Straße, den Brücken, in der Nacht, im Park: »ihr Glück hätt ich herbeizudichten!« Die Nacht, in vielen Gedichten präsent, ist nicht romantisch, sondern unbarmherzig, in ihr lauert »des schwarzen Schutzmanns Stiefeleisen«. Blau zieht sich durch die Gedichte als Farbe der Kälte und Ausdruck von Frost – jeder Rausch endet eisig, jeder Glaube, auch der an Europa, erkaltet. Dennoch verwandelt sich das Präsens der Verzweiflung in erinnerte Vergangenheit und das Wissen um die eigene Vergänglichkeit in Heiterkeit. Ein ganzes Werk gepresst in ein paar Jahre.
