Ilya Kaminsky: Republik der Taubheit

Eine Empfehlung von Christian Metz

Ilya Kaminsky
Republik der Taubheit

Aus dem Englischen übersetzt von Anja Kampmann. Hanser, München 2022, 99 Seiten, 22 Euro

Ilya Kaminsky hat seine Kindheit in der vielstimmigen Stadt Odessa verbracht – gehörlos, nachdem er im Alter von vier Jahren an Mumps erkrankt war. 1993 emigriert er in die USA. Moderne Hörtechnik eröffnet ihm die neue Welt. Das Gespür für die Macht der Stille, das Sensorium für feinste Klänge indes hat er sich bewahrt. Kaminskys Republik der Taubheit, 2019 im englischen Original erschienen, verschränkt zwei Schicksalsmomente in einer militärisch besetzten Stadt. Den Mord an einem Jungen, auf den die Bevölkerung mit einer vorgetäuschten Taubheit reagiert. Und das Glück von der Geburt eines Kindes, dessen Mutter ihrerseits zum Kriegsopfer wird. Republik der Taubheit enthält die virtuosesten Verse. Leise im Ton, eindringlich, dringend. Kaminsky führt die Sprache bis an den Rand des Schweigens, bis dorthin, wo sich jede Metaphorik verbietet: »Der Körper des Jungen liegt auf dem Asphalt / wie der Körper eines Jungen.« Kaum vorstellbar, dass jemand sich die Lektüre dieses Buches entgehen lassen könnte. Zumal die Dichterin Anja Kampmann eine wunderbar eigenständige Version von Kaminskys Langgedicht erschaffen hat.

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