Eine Empfehlung von Ilma Rakusa
Tagebuch einer Invasion
Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Kniep. Mit einem Nachwort von Ilya Kaminsky. Carl Hanser, München 2025, 112 Seiten, 24,70 Euro
Oksana Maksymchuk, in Lwiw geboren, befand sich bei Beginn des russischen Angriffs 2022 gerade in Budapest und beschloss, im Westen zu bleiben. Heute schreibt sie ihre Gedichte auf Englisch; diese aber kreisen geradezu obsessiv und mit dokumentarischer Genauigkeit um die Ukraine. Maksymchuk weiß, wie es dort zugeht. Sie beschreibt Notfalltaschen, Notunterkünfte, »Bittgebete in Ruinen«, die »Relikte eines Universums«: »Was jemandem / am kostbarsten war, / jetzt liegt es auf / der Ladefläche eines Lastwagens // rast durch die siedende Steppe / in einer Tasche / mit U-förmigem Verschluss / und Griff // darin, viel kleiner, / eine andere Tasche, / die birgt eine Hand / und einige lose Finger«. Erschütternd auch die Gedichte über den plötzlichen Herztod von Maksymchuks Cousine oder die als »Riten des Molochs« vorgeführte verwilderte Brutalität von Kindern, die »entlang der Minenfelder / geheimnisvolles Versteckspielen« tanzen. Aufrüttelnde Verse: ein Muss für jeden und jede, die bereit sind, sich lesend dem Schrecken eines Kriegs mitten in Europa auszusetzen.
