Eine Empfehlung von Ilma Rakusa
Klassische Sorgen
Urs Engeler, Schupfart 2025, 140 Seiten, 14 Euro
Klassische Sorgen? Das weckt Interesse, denn wer kennt sie nicht. Krankheiten, Liebesnöte, Arbeitsprobleme, Alter, Stress, die Liste ließe sich beliebig verlängern. Doch der scharfsinnig-lakonische Schweizer Dichter Martin Zingg vermeidet das Erwartbare, indem er die Problemfelder so geschickt umspielt, dass Trivialität und Klage auf der Strecke bleiben. Etwa wenn er in »Schnittstelle Herzklappe« seine eigene Überwachung thematisiert und der Angst einen Platz »im toten Winkel / eines unbeaufsichtigten Gefühls« zuweist. Oder wenn er vor dem TV-Gerät »einem Schießbefehl aus der Fernbedienung« gehorcht, »als ginge es ohne alle Gegenwart weiter«. Vieles kommt zur Sprache: die Tücken des Sehens und Erinnerns, der nachlässige Gedanke, den Tod gebe es nicht, »nur alles danach«, »vergangene Küsse« und Versäumtes, weil »die Lieferketten bisweilen fragil« waren … Schlackenlos sorgenfrei dagegen mutet das Gedicht Morandi an. Der subtile Gleichmut des italienischen Stilllebenmalers findet in Zinggs poetischer Unaufgeregtheit so manche Entsprechung.
