Eine Empfehlung von Kerstin Preiwuß
An die Deutschen
persona verlag, Mannheim 2025, 135 Seiten, 18 Euro
Man könnte sagen, diese Gedichte erscheinen 80 Jahre zu spät, und doch wirken sie wie ein Moment. Der Moment ist das Wissen, dass man hätte vernichtet werden sollen, die Anklage, wie viele vernichtet worden sind. Das tun die Gedichte in der Stimmlage der deutschen Romantik, Heines, des Volksliedtons. In einer Sprache, die jeder versteht, geht es direkt von der blauen Blume in den Wotans-Wahn. »Jedes ist verdammt verschieden, / Und ihr seid wie alle Leut: / Habet Blumen, habet Lieder, / In dem schönsten reinen Deutsch / Habet Blumen, habet Lieder, / Habet Hitler, habet Blut … / Habet deutsches Ungeziefer, / Deutschen Wahn und deutsche Wut. / Schluss damit!«. Dass dieser Ausbruch an Dichtung den Deutschen zugesteht, durch deutsche Nazis verhext worden zu sein, ist das Ungeheuerliche an diesem Gefühlsdokument. Die Autorin, die gern eine Dichterin »im Kielwasser von Majakowski« geworden wäre und die Gedichte als Nichtmuttersprachlerin absichtlich auf Deutsch geschrieben und 1946 im befreiten Paris veröffentlicht hat, hätte sich wohl gut mit Bettina von Arnim verstanden. Ihre Stimme sollte man der deutschen Literatur hinzufügen.
